Tierschutzhund

Womit musst du rechnen, wenn du dir einen Hund holst, der keine ideale Vorgeschichte hat

Jeder Hund ist anders und jeder Hund bringt sein eigenes Päckchen mit. Hat seine eigenen Erfahrungen, seine eigene Genetik, seinen eigenen Charakter. Oft gibt es Hunde, die man als „einfach“ bezeichnen kann und die sich gut in unserer Menschenwelt einfügen können. Aber es gibt immer mehr Hunde, die mit unserem Alltag nicht zurechtkommen, die Schwierigkeiten mit der Umwelt haben. Hunde, die schon bei geringen Geräuschen Angst haben, die Autos und Fahrräder gruselig finden. Hunde, die nicht zur Ruhe kommen, die viel bellen und ihren Menschen den letzten Nerv rauben.

Viele dieser Hunde kommen aus dem sogenannten Tierschutz. Das sind Hunde, die dort eingefangen oder gefunden wurden. Manche wurden abgegeben, manche aus misslicher Lage befreit. Einige lebten als Streuner in der Stadt oder am Strand. Oder sind Jagdhunde, die aussortiert wurden, weil sie ihren Job nicht wie gewünscht ausführen konnten oder zu alt für diese Aufgabe sind. Mittlerweile gibt es aber auch immer mehr Hunde, die in Kellern oder Garagen „gezüchtet“ werden, um sie dann über den „Tierschutz“ an den Menschen zu bringen.

Man sieht also, die Hunde sind sehr unterschiedlich aufgewachsen oder haben ihr bisheriges Leben auf sehr unterschiedliche Weise verbracht. Lebt ein Hund mitten in der Stadt, kann man davon ausgehen, dass er ausgiebig Erfahrungen mit Fahrzeugen aller Art, lauten Geräuschen und den unterschiedlichsten Gerüchen machen konnte. Aber auch mit vielen Menschen und mit allem was dazu gehört. Vielleicht wurde er regelmäßig gefüttert. Vielleicht musste er sich um seine Versorgung selbst kümmern. Eventuell hat er sehr schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Kommt ein Hund eher aus ländlichem Gebiet, wie es bei den meisten Jagdhunden der Fall ist, wird er mit dem städtischen Leben nicht vertraut sein und konnte sich an viele Reize nicht gewöhnen und somit auch nicht lernen, damit umzugehen.

Und Hunde, die nur einen einzelnen Raum oder einen Zwinger kennen gelernt haben, konnten natürlich so gut wie gar keine Erfahrung mit „unserer Welt“ sammeln. Ich denke, hier wird deutlich, dass es nicht „den Tierschutzhund“ gibt und wir oft ein falsches Bild von unserem potenziellen neuen Mitbewohnen haben. Nun gibt es natürlich nicht nur Tierschutzhunde, die ein Defizit bei der Umweltgewöhnung haben. Sondern auch Hunde, die von ihrem Züchter nicht ausreichend für ihre Zukunft vorbereitet wurden. Lebt ein Züchter idyllisch mit seinen Hunden auf dem Land und die Hunde hatten ein großes Grundstück zur Verfügung, heißt das nicht, dass sie auch für ein Stadtleben vorbereitet sind. Hier kommt es dann darauf an, ob der Züchter seine Welpen an diese Reize heranführt oder eben nicht. Hier gibt es große Unterschiede, die aber entscheidend für das zukünftige Leben des Hundes und ihrer neuen Besitzer sind. Immer mehr Hunde kommen leider auch von sogenannten „Vermehrern“. Dies sind Menschen, die sich „Züchter“ nennen, aber weder auf die Genetik der Elterntiere noch darauf schauen, wie die Zuchthunde und Welpen leben und aufwachsen. Hier sind teilweise grauenvolle Zustände vorzufinden und die Hunde sind oft traumatisiert, heruntergekommen und gesundheitlich sehr angeschlagen. Was das für so einen Hund (und seine zukünftigen Besitzer) bedeutet, brauche ich nicht extra auszuführen.

Womit musst du also rechnen, wenn bei dir solch ein Hund einzieht?

  • Er ist nervös und überdreht und hat Schwierigkeiten, selbst zur Ruhe zu kommen. Er ist gefühlt den ganzen Tag wach und sobald du dich bewegst, schreckt er auf und verfolgen dich auf Schritt und Tritt. Kleine Geräusche lassen ihn zusammenfahren und er gibt dir das Gefühl, als müsstest du den ganzen Tag Programm mit ihm machen.
  • Er kann laut sein! Sowohl in der Wohnung als auch beim Gassi gehen. Durch ihre Nervosität neigen viele Hunde dazu, bei der kleinsten Kleinigkeit zu bellen. Hören sie ein Geräusch im Treppenhaus, legen sie los. Sehen sie auf der Straße einen anderen Hund, gibt es kein Halten mehr. Es kann auch sein, dass jeder Mensch, der euch entgegenkommt, kommentiert wird. Oder der Fokus des Hundes auf Fahrrädern oder LKWs liegt.
  • Er hat Angst vor Fahrzeugen, Menschen, Geräuschen, schnellen Bewegungen, Hunden und anderen Tieren, Kinderwagen, Gewitter, Mülltonnen, Einkaufstüten, Staubsauger, Küchenmaschine…. Dies ist sehr individuell und kann große Kreise ziehen.
  • Er hat Schwierigkeiten mit der Stubenreinheit. Mitunter kann es Monate dauern, bis ein Hund zuverlässig stubenrein ist. Hast du keinen Garten und die Lösungsstelle für deinen Hund befindet sich nicht direkt vor deiner Haustüre, ist bei diesem Thema natürlich mit mehr Aufwand und Zeit zu rechnen.
  • Er hat oft Durchfall. Einerseits aus gesundheitlichen und ernährungstechnischen Gründen, andererseits aus Stress.
  • Er verträgt das Autofahren nicht und/oder hat Angst.
  • Er kann nicht allein bleiben und das Gewöhnen daran fällt besonders schwer.
  • Er zerstört alles, was er in deiner Wohnung finden kann.
  • Er möchte nicht angefasst werden und weicht vor dir zurück.
  • Er hat Angst vor ihm fremden Menschen und findet auch Familienmitglieder gruselig.
  • Er möchte nicht raus und du hast Schwierigkeiten, ihn dazu zu bewegen vor die Tür zu gehen.
  • Er schläft nachts nicht gut und wandert durch die Wohnung.
  • Er ist sehr sensibel was die Körpersprache angeht und achtet auf die kleinste Bewegung von dir und anderen.
  • Er hat Angst vor seinem Wasser- und/oder Fressnapf.
  • Er frisst sehr schlecht oder ist übermäßig verfressen.
  • Er frisst seinen oder den Kot von anderen Hunden und Menschen.
  • Er hat Angst vor dem Halsband, dem Geschirr und/oder der Leine.
  • Er ist nicht leinenführig.
  • Er springt mit aller Kraft in die Leine und zieht dich hinter sich her. Je nach Größe und Kraft des Hundes kann dies sehr anstrengend für dich und deinen Hund sein und Schmerzen verursachen.
  • Neue Orte und Wege bereiten ihm sehr viel Stress und dein Tagesausflug oder dein heiß ersehnter Urlaub wird zur Katastrophe.
  • Er möchte flüchten, wenn er sich unwohl fühlt oder Angst hat.
  • Er geht nach vorne und droht, wenn er sich unwohl fühlt oder Angst hat. Es kann auch sein, dass er Tendenzen zum Beißen hat.
  • Er hat eine ausgeprägten Jagdtrieb.
  • Er hat Probleme, Vertrauen zu dir aufzubauen.
  • Er möchte nicht schmusen, spielen oder neue Tricks lernen.
  • Er hat große Angst bei Gewitter und Donner. Und auch bei Regen möchte er nicht vor die Tür.

Diese Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig und nicht in einer bestimmten Reihenfolge geschrieben. Auch kann sie nur in Auszügen zutreffen. Aber wie ich vorher schon erwähnt habe, ist es sehr individuell, mit welchen Problemen der einzelne Hund zu kämpfen hat und was auf dich und deine Familie zukommen kann. Natürlich ist es auch sehr unterschiedlich, wie lange man mit welchen Schwierigkeiten zu tun hat und wie ausgeprägt sie sind. Dass man nicht innerhalb ein paar Wochen oder gar Tagen alle Probleme gelöst hat und der Hund nun entspannt durch`s Leben geht, kann man sich denken.

Viele Defizite werden dich und vor allem deinen Hund, für immer begleiten. Du musst viel Zeit, Verständnis und gutes Training investieren, um aus ihm einen zuverlässigen und zufriedenen Begleiter zu machen. Manchmal gelingt dies nur bedingt und du musst auf Dinge verzichten, die früher in dein Leben integriert und selbstverständlich waren. Um eins klarzustellen: Dies soll kein Text gegen die Aufnahme eines Tierschutzhundes sein! Aber die Frage ist: Passt der Hund zu mir und passe ich und mein Leben zu diesem Hund! Wie weit kann ich mich an die besonderen Bedürfnisse eines solchen Hundes anpassen und bin ich bereit, mich gegeben falls einzuschränken? Bin ich so einem Hund körperlich und auch nervlich gewachsen? Kommt mein Umfeld mit den veränderten Bedingungen klar und kann mich unterstützen?

Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, der mir sehr wichtig erscheint: Es kann sein, dass dein Hund die ersten paar Wochen sehr ruhig ist und es anscheinend keine Probleme gibt. Er macht alles brav mit und scheint keine Probleme mit der Umwelt zu haben. Nach einiger Zeit ändert sich das aber und du fällst aus allen Wolken, welche Verhaltensweisen deines Hundes nach und nach zum Vorschein kommen. Das liegt daran, dass dein Hund in der ersten Zeit unter einer Art Schock steht und der Körper einen Selbstschutz aktiviert hat, um sich selbst zu schützen. Viele Hunde sind dermaßen mit der neuen Situation und mit dem Erlebten überfordert, dass sie einfach nur noch „funktionieren“. Auch in dieser Zeit ist es also wichtig, dem Hund so wenig wie möglich zuzumuten. Er hat unendlich viel zu verarbeiten und mit allem Neuen klarzukommen.

Und deine Aufgabe ist es, ihn zu schützen!

Comments (4)

  • Andrea Noerpel

    Toll geschrieben! Uns so wahr. Ich hoffe, dass viele Menschen diesen Artikel lesen, BEVOR sie sich für einen Hund entscheiden.

  • Cemyra El Ayari-Pohlmann

    Bravo Franziska, großartiger Text! Bzgl. des vorletzten Abschnitts: Oft, um nicht zu sagen meistens, werden diese „Tierschutzhunde“ ja ausschließlich per Foto ausgesucht und dann nach einer wahnsinnig langen Fahrt direkt an die neuen Besitzer übergeben, wo sie dann „flutsch“ ins neue zu Hause passen sollen. Daher gilt es tatsächlich, zu sensibilisieren, ohne belehrend zu klingen, genau so, wie du das hier tust. Ich ziehe meinen Hut vor der Autorin 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.